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Textsorbet - Volume 2

Die Poesie schlägt zurück

von Elias Raatz (Autor) Jean-Philippe Kindler (Autor) Friedrich Herrmann (Autor) Daniel Wagner (Autor) Markus Becherer (Autor) Phriedrich Chiller (Autor) Enora le Corre (Autor) Bühnenduo Einfach so (Autor) Hank M. Flemming (Autor) Maron Fuchs (Autor) Barbara Gerlach (Autor) Laura Gommel (Autor) Madleen Marie Haberstroh (Autor) Maximilian Koch-Erpach (Autor) Richard König (Autor) Moritz Konrad (Autor) Franzi Lepschies (Autor) Marius Loy (Autor) Saskia Münch (Autor) Skog Ogvann (Autor) Max Osswald (Autor) Elias Raatz (Herausgeber) Holger Rohlfs (Autor) Nik Salsflausen (Autor) Vincent Sboron (Autor) Marina Sigl (Autor) Xenia Stein (Autor) Ines Strohmaier (Autor) Artem Zolotarov (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Mit Beiträgen von

Markus Becherer • Phriedrich Chiller
Enora Le Corre • Einfach so
Hank M. Flemming • Maron Fuchs
Barbara Gerlach • Laura Gommel
Madleen Marie Haberstroh • Friedrich Herrmann
Jean-Philippe Kindler • Maximilian Koch-Erpach
Richard König • Moritz Konrad
Franzi Lepschies • Marius Loy
Saskia Frederike Münch • Skog Ogvann
Max Osswald • Elias Raatz
Holger Rohlfs • Nik Salsflausen
Vincent Sboron • Marina Sigl
Xenia Stein • Ines Strohmaier
Daniel Wagner • Artem Zolotarov

Herausgegeben von

Elias Raatz

Der 1997 geborene Moderator, Veranstalter, Autor und Kulturschaffende Elias Raatz ist Gastgeber diverser Kleinkunstveranstaltungen. Mit dem Dichterwettstreit deluxe bringt er Poetry Slam auf Bühnen in Süddeutschland und nun zum zweiten Mal in ein Buch. An seine Projekte geht er mit einer großen Portion Leidenschaft und Herzblut für die Kunst – das merkt man.

Elias Raatz (Hrsg.)

Textsorbet II

Die Poesie schlägt zurück

Logo

Die Dichterwettstreit deluxe Anthologie

© 2020 Dichterwettstreit deluxe | 78054 Villingen-Schwenningen
www.dichterwettstreit-deluxe.de

Umschlaggestaltung: T-Sign Werbeagentur
Lektorat: Maron Fuchs & Elias Raatz

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

ISBN Taschenbuch: 978-3-9820358-1-9
ISBN E-Book: 978-3-9820358-3-3



„Man wird in einer halben Stunde sehr leicht ein Urteil darüber gewinnen, ob ein Buch etwas oder gar nichts taugt.“

Oscar Wilde

Quellenangaben für verwendete Bilder:

Titel © Luciana Serra – stock.adobe.com

Bild Friedrich Hermann © Christoph Worsch

Bild Marina Sigl © Ansgar Wörner

Bild Max Osswald © Olivia von Saldern

Bild Xenia Stein © Dichterwettstreit deluxe

Bild Phriedrich Chiller © Parvati Sauter

Bild Enora Le Corre © Valentin Ollp

Bild Maximilian Koch-Erpach © Dichterwettstreit deluxe

Bild Barbara Gerlach © Marie Gerlach

Bild Richard König © Dichterwettstreit deluxe

Bild Marius Loy © Pierre Jarawan

Bild Vincent Sboron © Lara Valentina

Bild Ines Strohmaier © Fabian Fischer

Bild Einfach so © Frank Kloten

Bild Elias Raatz © Dichterwettstreit deluxe

Bild Jean-Philippe Kindler © Fabian Stürtz

Bild Laura Gommel © Karsten Hohage

Bild Moritz Konrad © Karsten Hohage

Bild Maron Fuchs © Andreas Bühner

Bild Nik Salsflausen © Marvin Ruppert

Bild Artem Zolotarov © VIA Poetry Slam Offenburg

Jegliche Bilder und Grafiken in diesem Werk sind urheberrechtlich geschützt. Bei nicht gesondert genannten Quellenangaben obliegt das Bildrecht beim jeweils abgebildeten Poeten / der abgebildeten Poetin.

Inhalt

Vorwort:
Uber den Titel und weitere Gedanken
Elias Raatz

Drei Fäden
Friedrich Herrmann

Motivationsschreiben
Marina Sigl

Die Ballade vom Schiff
Hank M. Flemming

Wenn Gott ein Kuchen wäre
Max Osswald

Liebeserklärung an die deutsche Sprache
Xenia Stein

verAntworten
Phriedrich Chiller

Im Supermarkt
Holger Rohlfs

Butterfly-Effekt
Enora Le Corre

What a time to be alive
Maximilian Koch-Erpach und Elias Raatz

Permanent poppende Pandas
Barbara Gerlach

Häus erdächerkanten
Richard König

Der Grundstein der Künste
Marius Loy

Das Mundwerk
Madleen Marie Haberstroh

Der Status quo der Jugend
Vincent Sboron

Ritter Knut von Hohenstein
Skog Ogvann

Straßen fluchten
Saskia Frederike Münch

Vierzehn Flugstunden
Ines Strohmaier

KÄSIDA
Daniel Wagner

Blaues Gold
Einfach so

Brief an einen Freund
Elias Raat%

Wir waren mal jung
Markus Becherer

Laura
Franzi Lepschies

Karma als Gottersatz
Jean-Philippe Kindler

Für meinen Opa
Laura Gommel

Lieber Sebastian
Moritz Konrad

Summ, summ, summ
Maron Fuchs

Im Auge des Betrachters
Nik Salsflausen

Kafkas Spiegelgalaxien
Artem Zolotarov

Vorwort:
Über den Titel und weitere Gedanken

Von Elias Raatz

„Textsorbet II – Die Poesie schlägt zurück“.
Ich weiß, was Sie jetzt denken: Wie konnte dieser Titel passieren? Lassen Sie mich zur Beantwortung der Frage ein kleines bisschen ausholen…

Im Laufe des Lebens treffen handelsübliche Menschen viele verschiedene Entscheidungen: Einige davon bringen sie weiter, wie z.B. dieses Buch zu kaufen, andere werfen sie aus der Bahn, wie z.B. kein gültiges Zugticket zu lösen, und wieder andere legen ihre kognitive Eingeschränktheit offen, wie z.B. die Abgabe der eigenen Stimme an die AfD.

Schließlich existiert noch eine besondere Kategorie von Entscheidungen. Namentlich die, von denen der Mensch bereits im Voraus genauestens weiß, dass sie eine sehr dumme Idee sind. Dennoch zieht ihn etwas, das so tief in ihm verankert ist, dass selbst Freud es nicht gefunden hätte, genau dorthin.

Es sind Momente, in denen Menschen, wie man im Volksmund zu sagen pflegt, sehenden Auges in die Kreissäge rennen. Und einen solchen Sprint in Richtung rotierender Sägeblätter legte ich hin, als ich mich für den oben genannten Untertitel für diese Anthologie entschied.

Natürlich nur im übertragenen Sinne, denn ich sprinte allgemein eher selten. Jedenfalls: Seit ich diesen Untertitel das erste Mal vor meinem inneren Auge sah, konnte ich von dieser Idee nicht mehr ablassen. „Textsorbet II – Die Poesie schlägt zurück“. Es war wie bei Donald Trump und Fake News: nichts geringeres als Liebe auf den ersten Blick.

Es war mir aber trotz innerer Euphorie ob dieses wunderschönen Titels völlig bewusst, dass eventuell nur Wenige meine Begeisterung dafür teilen können: Manche waren vehement auf meiner Seite, andere nicht und nur einer zweifelte angesichts dieser Namensidee dermaßen an meiner Gehirnleistung, dass er es seitdem erstaunlich findet, wie ich es morgens schaffe, mir selbst die Schuhe zuzubinden. Aber das ist eine andere Geschichte…

Ja, ich gebe zu, dieser Untertitel hat Schwächen. So wurde schon von Beginn an meine Argumentation beiseite gewischt, dass die im Titel integrierte Anlehnung an den zweiten Teil der bekannten lichtschwertdurchfluteten Space-Opera eine neue Leserschaft erschließen könnte.

Für mich passte es perfekt: Eine zweite Anthologie, die in ihrem Untertitel mit dem zweiten Teil einer Filmreihe eine wundervolle Symbiose eingeht. Dass es sich zwar um den als zweiten gedrehten Film, aber eigentlich eine fünfte Episode handelt, war mir leider nicht bewusst. Dies lag zum einen daran, dass ich grundsätzlich eher Star Trek bevorzuge, und zum anderen beim besten Willen die Logik in einem System nicht verstehe, in welchem der zweite Film einer Reihe ein fünfter Teil sein soll.

Ein noch größeres Paradoxon sind ausschließlich die einzelnen Handlungsstränge im MCU und warum Andreas Scheuer noch immer einen Ministerposten innehat. (Beziehungsweise wenn Sie dies lesen vielleicht: „…so lange einen Posten hatte.“ – die Hoffnung nicht aufgeben!)

Doch zurück zu den Schwächen dieses Titels, zu dem durchaus auch notorisch-bohrende Fragen gestellt wurden: Wie kann eine nicht-physische Poesie überhaupt schlagen? Wen eigentlich? Und warum sollte sie das tun?

Anhand solcher Schwierigkeiten erinnere ich mich fast sehnsüchtig an die Namenswahl im Vorfeld des ersten Teils. Auch damals klapperten zu Beginn der Suche massenhaft verstopfte Zahnräder in den Gehirnen meiner MitstreiterInnen und mir gegeneinander. Doch irgendwann kamen wir nach langem Weg durch einen Dschungel voller perfider Kreativitätsausdünstungen zu einer rettenden Oase der Erleuchtung: „Textsorbet“.

Ein Titel, der die Vielseitigkeit der inbegriffenen Texte unterschiedlichster Autorinnen perfekt in sich vereint und dadurch – gleich einer bunten Schale leckeren Eissorbets – die verschiedensten Geschmäcker bedienen kann.

In dieser Titel-Oase überwintert, musste ich jedoch später feststellen, dass sie sich inmitten einer Ideenwüste befindet und auf den zweiten Blick wie eine Fata Morgana gänzlich verschwunden war. Denn der zum damaligen Zeitpunkt durchaus passende Titel, der vielleicht auch deshalb gewählt wurde, da zum Brainstormen Himbeersorbet gereicht wurde, war nicht mehr genug.

Ich wollte mehr. Etwas Neues musste nun geschaffen und die Zahnräder wieder in Gang gebracht werden, um dem zweiten Teil der Reihe einen ebenso episch-eleganten wie präzise-pompösen Untertitel zu verpassen.

Tja, wie bereits zu Beginn dieses Vorworts erwähnt, kam dann dieser absolut grandiose Untertitel, der mit der Vehemenz einer Flutwelle mein Gehirn überschwemmte. Ursprünglich übrigens vorgeschlagen von Hank M. Flemming, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, ob diese Titelidee überhaupt ernst gemeint war.

Im Endeffekt sind alle aus meinem Team rund um die Spoken Word Event- und Künstleragentur Dichterwettstreit deluxe auf diese Titelidee stolz gewesen. So stolz, dass wir sie unübersehbar und übermäßig groß auf der Titelseite dieses Buches präsentiert haben. Beziehungsweise nicht extrem groß. Und auch nicht auf der Vorder-, sondern der Rückseite. Aber dort macht sich der neue Untertitel wirklich herausragend! Ich freue mich auf Teil 3…

Aber ich glaube, jetzt habe ich Ihnen wirklich genug über den beschwerlichen Weg des Titels dieser Anthologie erzählt. Vor allem sollten Sie, um das einleitende Zitat von Oscar Wilde aufzugreifen, in Ihrer ersten halben Stunde Lesezeit noch etwas anderes als nur das Vorwort zu sehen bekommen.

Abschließend bleibt mir noch zu sagen:

Genießen Sie dieses Textsorbet, lassen Sie sich von abwechslungsreichen Geschichten sowie Gedichten fesseln und freuen Sie sich auf Texte einiger der erfolgreichsten und aufstrebendsten Slam Poetinnen Deutschlands.

Für Ihre Reise durch diese 28 verschiedenen, jeweils einzigartigen Texte wünsche ich Ihnen viel Spaß, gute Unterhaltung und niemals müde Augen.

Ihr Elias Raatz

Friedrich Hermann

friedrich

Friedrich Hermann ist ein Multitalent zwischen Lyrik, Komik und Storytelling. Mit seinen schnellen, unterhaltsamen und meist tiefgründig-humorvollen Texten begeistert er seit 2015 im gesamten deutschsprachigen Raum.

Der aus Jena stammende Slam Poet war unter anderem thüringer (2015) und sächsischer (2017) Landesmeister im Poetry Slam. 2019 gewann er die deutschsprachigen Meisterschaften in Berlin und zählt zu den erfolgreichsten Bühnenautoren der Bundesrepublik. Sein erstes Buch „Notizen eines Linkshänders“ erschien 2019 im Lektora-Verlag.

Mehr unter: www.friedrich-herrmann.com

Drei Fäden

Von Friedrich Herrmann

Manchmal lieg’ ich nachts noch wach,
vor mir ein Knäuel aus Gedanken.
Ich zupfe hier und da an losen Enden
und beginne, hin und her zu schwanken.
Hätt’ ich das mal vorsichtig geknotet,
hätt’ ich hier mal mehr gesponnen,
hätt’ ich’s dort mal andersrum gewickelt –
was wär’ verloren, was gewonnen?

„Ja, was hätte alles werden können?”
Diese Frage juckt aufs Neue,
kratzt wie schlechte Wolle,
ich glaub’, man nennt das Reue.
So viele Fehler und vergebene Chancen,
so viel zögern, schauen: „Ja, vielleicht!”,
viel zu oft: „Das machen wir auf jeden Fall!”,
und für viel zu wenig hat die Zeit gereicht.

Ich greif’ mir einen dünnen Faden,
zieh’ ihn vorsichtig aus dem Gemenge,
breite ihn so vor mir aus
und betrachte seine volle Länge.
Er reicht zurück in Grundschulzeiten,
in kapla- und gameboyverschwendete Tage,
in den Plattenbau am Herrenberg,
wo wir uns durch die Gänge jagten.

Ein Stickig-Hitzig-Schwitzig-Tag im Juni,
da platztest du zur Tür herein,
Fabian, mit wildem Blick,
und fingst errötet an zu schrei’n:
„Krieg! Sie haben uns den Krieg erklärt!
Die Schädelspalterbande drüben.“
Ich sag’: „Diese Ghettokids
sollen uns’re Fäuste spüren!”

Fabian, o Fabian.
Deine Schläge schmetterten so mächtig,
deine Stimme klang echt gruselig
und dein Haupthaar fettete so prächtig.
Du riefst: „Lasst uns diese Schlacht heut’ schlagen,
Kameraden, hört des Schicksals Ruf!
Diese Schulhofschlägerei
ist der Grund, warum der Herr uns schuf!”

Und ich? Ich hab’ gekniffen.
Ach, wär’ ich mal in die Schlacht gezogen!
Hätt’ ich mit geballten Fäusten
ein paar Knochen umgebogen.
Ein paar Schädel eingedroschen,
ein paar Finger abgebissen,
den Beton mit Blut besudelt
und ein paar Augen ausgerissen.

Fast wär’ ich ein Mann gewesen, auch im zarten
Alter! Fabi hätte mich genannt:
„Der Schädelspalter-Spalter“.
Und bald, da hätte man mein Zeichen an jede Häuserwand gesprüht.
Niemand hätte mich herausgefordert,
weil mein Anblick schon genügt.
Eine aufgeschlitzte Lederjacke,
aus der pythonbreite Arme ragen,
hinter mir ein Heer aus Motorrädern,
die alle meinen Namen tragen.

Gold’ne Ketten um ’nen stiernen Nacken!
Ein Bullenpiercing durch die Nasenwand!
Ein Blick von mir bricht dein Genick
und steckt deinen Sarg in Brand.
Na ja, nichts davon ist wahr geworden.
Schließlich hab’ ich ja gekniffen.
Lang, bevor er sich entspinnen konnte,
ist dieser Faden wohl gerissen.

Ich nehme einen Zweiten.
Er wirkt ganz klamm, durchnässt sogar.
Ich überlege kurz warum
und schmunzle, denn es wird mir klar.
Ein noch stickiger-hitziger-schwitziger Tag,
auch im Juni, glaube ich,
Gewitterwolken ball’n sich über uns,
als du mir in die Augen blickst.

Du hast ganz freibadverstrubbelte Haare, die in
jede Richtung sprießen. Ich will lachen, so wie du,
und den Augenblick genießen.

Mann, bin ich nervös.
Da setzt der Regen ein,
so heftig und so plötzlich,
dass wir beide stehen bleiben.
Jetzt muss ich dich küssen, denk ich,
krieg es bitte einfach hin!
Deine Lippen sind ganz sanft geöffnet,
vermutlich noch leicht süß vom Gin.
Gloria, o Gloria.
In deine Wangen schießt die Glut.
Sinnlich drehst du dich zu mir
und ich sage: „Tschüss, mach’s gut.”

Ich schwing mich auf mein Fahrrad
und radele davon,
ein Arsch auf nassem Sattel,
und bereue es da schon.
Ein Kuss in sattem Regen…
– die Geschichte hätte ich erzählt!
Wir hätten uns am Strand in Thailand
in stürmischem Monsun vermählt!

Unsere Flitterwochen in Venedig,
mit der Gondel auf dem Canal Grande,
und von der Rialtobrücke winkt uns
… die Schädelspalterbande!
Du lachst ein schrilles Lachen,
ich seh’ dich panisch an,
reißt dir die Perücke runter
und ich frage: „Fabian?!”

Ja! Es wäre ein Gemetzel,
gefilmt von tausenden Touristen.
Aus der Ferne klingt der Soundtrack
eines Straßengitarristen.
Schädel werden eingedroschen,
Schultern abgerissen,
der Kanal mit Blut besudelt,
inmitten der bombastischen Kulissen.
Da seh’ ich ein Messer blitzen,
sinnlich drehst du dich zu mir,
rammst es zwischen meine Rippen,
es ist das Letzte, was ich spür.

Ich nehme einen dritten Faden in die Hand,
er scheint belanglos im Vergleich,
er ist dünn und kratzt ein bisschen,
fasrig, rau und wirkt recht bleich.
Er beginnt mit einem: „Ja, warum denn nicht?
Natürlich les’ ich heut’ was vor.”
Er handelt von verschloss’nen Türen
und von manchem off’nen Ohr.
Er hat mich immerhin,
das hab’ ich früh gespürt,
auf ziemlich viele Bühnen
und in dieses Buch geführt.

Er besteht aus Whisky, aus Freunden,
aus Jubel, Lachern und Geschichten.
Man kann immer nur an einem Faden spinnen,
doch die ander’n immerhin – erdichten.

Marina Sigl

Man munkelt, durch der Venen der 1996 im Schwarzwald geborenen Slam Poetin fließe kein Blut, sondern Buchstaben. Die angehende Lehrerin für Deutsch und Chemie gründete während ihres Studiums eine Hochschulgruppe für kreatives Schreiben und stand 2018 erstmals auf einer Poetry Slam Bühne.

Zwei Buchveröffentlichungen, drei Slam-Meisterschafen und über 150 Auftritte später hat sie allerlei Bühnenerfahrungen und Texte im Gepäck. Dabei schafft sie es stets, das Publikum zum Nachdenken, Mitfühlen und Lachen zu bringen.

Mehr unter: www.fb.com/marinasiglpoetry

Motivationsschreiben

Von Marina Sigl

Sehr geehrte Frau Schmitz,
wenn Sie einem Mädchen in der Grundschule die Frage stellen „Und, was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist?“, ist die Antwort selbstverständlich: „Prinzessin.“

Aber, Frau Schmitz, sehen Sie – es gibt auch immer dieses eine Mädchen, das etwas verwundert danebensteht und sich fragt, wie erfüllend sie es wirklich fände, den ganzen Tag hübsch aussehen zu müssen und seltsam zu winken.

So toll ist Prinzessin sein nämlich wirklich nicht, wenn wir mal ehrlich sind. Da hockt man dann neben dem Kronprinzen von Schweden am Tisch, wird über Fjorde zugeschwallt und stochert in seinem Fisch. Dabei bin ich Vegetarierin, Frau Schmitz! Fische sind Freunde, kein Futter! Und als wäre das nicht genug, ist der Prinz sicher auch noch blond, blauäugig und perfekt und sein scheiß Kleid – ja, er trägt ein Kleid, er hat schließlich die Figur dazu – sieht an ihm auch noch besser aus als meins an mir.

Können Sie die Schlagzeilen nicht auch schon sehen? „Kronprinz von Schweden stiehlt Prinzessin Marina erneut die Show!“ Und dann geht es weiter: „Galerie des Grauens – Prinzessin Marinas 33 schlimmste Modesünden im Januar.“

Das sind mehr Modesünden als Tage im Monat, Frau Schmitz!

Sehen Sie, ich wollte nie Prinzessin werden. Ich wollte Lehrerin werden. Schon immer. Und meine Motivation ist wie eine kaputte Guillotine. Sie bleibt immer oben.

Gut, ich muss zugeben, während meines Studiums war ich nicht immer motiviert.

In meinem dritten Semester hat sich einer meiner Kommilitonen die rechte Hand mit konzentrierter Schwefelsäure verätzt, um eine Prüfung nicht mitschreiben zu müssen. Ich war nicht sehr motiviert, ihm zu sagen, dass es eine mündliche Prüfung sein würde.

Ich bin also froh, dieses Schreiben nicht vor zwei Jahren verfasst haben zu ... na ja, sagen wir mal dürfen. Damals bestand meine Motivation für den Lehrberuf hauptsächlich darin, meine Schülerinnen und Schüler zu vernünftigen Menschen mit einem vernünftigen Grad an Fachwissen zu erziehen, die wissen, dass man eine Katze nicht in die Mikrowelle steckt und dass man, wenn man es doch „aus Versehen“ tut, zumindest noch den Hersteller verklagt.

Aber seien wir ehrlich, Frau Schmitz, das lesen Sie jeden Tag in 100 verschiedenen Varianten und entscheiden hinterher einfach danach, wer klug genug war, vor dem Referendariat zu heiraten oder sich ein Pferd anzuschaffen. Oder einfach gleich sein Pferd zu heiraten, das ist ökonomisch – und ein Pferd kann man zumindest so lange reiten wie man möchte.

Also, Frau Schmitz, sehen Sie, ich möchte die Lehrerin werden, an die sich Schülerinnen und Schüler wenden, wenn sie das Gefühl haben, als einzige Person nicht mit dem Leistungsdruck klarzukommen. Und dann sage ich nicht „heul leise!“, sondern klaue – pardon, borge – zwei Stücke Kuchen aus dem Lehrerzimmer und wir machen zu zweit einen Stuhlkreis, weil im Stuhlkreis alles besser ist.

Außerdem möchte ich Lehrerin werden, um am 1. April in meine Klasse zu gehen, einen Stapel Blätter auf dem Arm, und zu sagen:

„So, Leute, alles vom Tisch außer euren Füller. Die Mitarbeit hat in letzter Zeit zu wüschen übrig gelassen, jetzt schauen wir mal, was ihr so könnt. Und Jeremy-Pascal, nimm die Finger aus Ellen-Jaquelines Po.“

Dann werde ich die Blätter austeilen und wenn die Kinder dann ihr Blatt umdrehen, ja, dann wird ziemlich groß „April, April“ darauf stehen. Sehen Sie, Frau Schmitz, das ist witzig, es ist auch ein bisschen gemein, aber vor allem ist es eine verdammt gute Geschichte.

Ich möchte meine Schülerinnen und Schüler nicht zu vernünftigen Menschen mit vernünftigen Frisuren, einem Thermomix und Unisex-Allzweck-Regenjacken sowie einer Midlife-Crisis mit 26 erziehen. Sondern zu Individuen, die Geschichten zu erzählen haben, die Geschichten erleben und nie aus den Augen verlieren, dass man sich selbst verliert, sobald man sich zu ernst nimmt. Deshalb, Frau Schmitz, finden Sie übrigens im Anhang ein GIF von einem galloppierenden Einhorn.

Das bedeutet allerdings wiederum nicht, dass ich automatisch alles gut finde, was unkonventionell ist. Unkonventionell kann gut sein. Wenn Sie beispielsweise morgens ihren Kaffee nicht trinken, sondern über den Laptop schütten, glauben Sie mir, das macht viel wacher. Aber ob man wirklich besser abschneidet, wenn man die Anatomieklausur nackt schreibt? Ich weiß ja nicht.

Aber zurück zu mir. Wenn Sie mich einstellen, Beate – ich darf doch Beate sagen?

Beate, dann stellen Sie eine Lehrkraft ein, die eventuell ihre Schülerinnen und Schüler vor Weihnachten mit Walnüssen bewirft, wenn sie gute Antworten liefern. Warum, fragen Sie?

Ach Beate, um dem Klischee der „dummen Nuss“ entgegenzuwirken natürlich. Ich verspreche Ihnen, Beate, immer 100 % zu geben. Und Beate, ganz im Vertrauen: Alle, die behaupten, 120 % zu geben, sind Lügner – und Sie sollten sie nicht als Mathelehrer einstellen.

Mit diesem guten Rat möchte ich nun mein Motivationsschreiben beenden, denn mein Motivationsvolumen für diesen Monat ist aufgebraucht, ich arbeite jetzt nur noch im Beamtenmodus.

Mit besten Grüßen

Marina Sigl

P.S.:

Liebe/r Leserin,
aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich den Job nicht bekommen. Deshalb möchte ich die Chance nutzen, die diese wundervolle Anthologie mit sich bringt: Wenn du mich heiraten möchtest, schreibe mir eine E-Mail inklusive Motivationsschreiben an:

bestelehrerin@hahajagenau.de

Hank M. Flemming

Hank M. Flemming stieg von den kalten Höhen des Erzgebirges, um im beschaulichen Tübingen Hochdeutsch zu lernen. Dort infizierte sich der promovierte Psychologe rasch mit Poetry Slam, qualifizierte sich für das Finale der Landesmeisterschaften, gibt mittlerweile Slam Workshops und moderiert seine eigenen Veranstaltungen.

Auch in seiner Heimat räumte er ab: Er ist sächsischer Landesmeister im Poetry Slam 2019, Vizemeister 2018 und Träger des Erzgebirgischen Literaturpreises „Kammweg“. Seine Oma wartet immer noch darauf, dass er zurückkommt und „was Richtiges“ macht.

Mehr unter: www.hankmflemming.de

Die Ballade vom Schiff

Von Hank M. Flemming

1

Ihr Leben ist ein Meer
aus Einsamkeit.
In dem treibt sie umher
und weint dabei,

während sie den Zapfhahn bedient
und das Fassbier ins Glas zischt.
Ein Stammgast sprach sie drauf an, aber…
Ach, der weiß gar nichts.

Er weiß nichts von ihren Ängsten,
dass es für die Miete wieder nicht reicht.
Er weiß nicht, wie’s ist, wenn um Mitternacht
das Nachbarsflittchen kreischt

und der Schädel von dem Mädel
gegen die Trockenbauwand hämmert.
„Endlich raus aus diesem Saustall“, denkt sie,
während ein neuer Morgen dämmert.

Hinter der Kneipe steht ein Schiff,
sie geht jede Nacht daran vorbei.
Eines Tages wird sie an Bord gehen
und dann ist sie endlich frei.

In der Nacht unter den Sternen
ist es ganz egal, wohin.
Die Wellen rauschen leise,
sanft gestreichelt vom Wind.

2

Sein Leben ist ein Strand.
An den branden Wellen aus Stumpfsinn,
zwischen denen die Feierabendsirene
jeden Tag nach großer Kunst klingt

und ihn stundenweise befreit
für die wichtigen Dinge im Leben:
Fressen, schlafen, scheißen
und paar Fassbiere heben.

Er hat keine Träume mehr,
dafür einen fast bezahlten Wagen.
Klar, am Fließband verdient man nicht viel,
es ist halt schwierig in diesen Tagen.

Manchmal fragt er sich durchaus,
ob da nicht doch noch etwas me(e)hr ist,
doch verdrängt diese Gedanken.
Er weiß: Denken ist gefährlich.

Hinter der Fabrik steht ein Schiff,
er geht jede Nacht daran vorbei.
Eines Tages wird er an Bord gehen
und dann ist er endlich frei.

In der Nacht unter den Sternen
ist es ganz egal, wohin.
Die Wellen rauschen leise,
sanft gestreichelt vom Wind.

3

(Dein Leben ist ein Ponyhof – und)
du warst die Klassenbeste im Ponyreiten,
hattest immer gespitzte Stifte.
Auf dem Zeugnis lauter Einsen.
Du weißt, Leistung ist heut wichtig!

Und dann Studium, na klar.
Papa zahlt, was mit Menschen.
Jede Hausarbeit ein Meisterwerk,
dein Fleiß ist kaum zu bremsen.

Und dein Abschlusszeugnis: Nice, vom Feinsten!
Endlich auf eigenen Beinen
– halbtags und auf ein Jahr befristet.
Sonst stellt dich ja keiner ein.

„Des isch halt so in unserem Business:
Erst mal schaffen und dann gibt’s was.“
Dir dämmert, dass du die Stifte
all die Jahre umsonst gespitzt hast.

Hinter dem Hörsaal steht ein Schiff,
du gehst jede Nacht daran vorbei.
Eines Tages wirst du an Bord gehen
und dann bist du endlich frei.

In der Nacht unter den Sternen
ist es ganz egal, wohin.
Die Wellen rauschen leise,
sanft gestreichelt vom Wind.

Und dann nimmt es endlich Fahrt auf,
wenn der Morgenwind weht.
Er peitscht dir Salzwasser ins Ohr,
bis du seine Worte verstehst.

Er sagt: „Nimm Abschied von dem Ort,
von dem Dorf, wo du lebst.
Setz’ die Segel zu einem neuen
noch verborgenen Weg!“

Folg’ wie ein Forscher deinem Nordstern,
alle Sorgen passé,
und sing furchtlos in den Sturm
über der orgelnden See.

Während deine Schwächen über’s Deck huschen
wie’n torkelndes Reh,
schmückt ein Lächeln dein Gesicht,
weil du jetzt fort von hier gehst.

4

Das Leben: Weder gut noch schlecht -
es schreibt einfach nur Geschichten.
Ihre Frauen und Kinder verschleppt,
der Vater hingerichtet.

Nur die Brüder entkamen, blutend,
und so schlugen sie sich durch
bis zur Küste und dort buchten
sie die Passage, trotz aller Furcht.

Man kann die Beine nicht weit strecken,
es ist viel zu wenig Raum.
Jemand weint, er müsse verrecken,
die Schleuser schmeißen ihn einfach raus.

Alles wirkt so surreal
– nur eine Nacht noch, bis Europa!
„Bruder, habe keine Angst,
das schwankt nicht mehr als dein altes Mofa.“

Kurz vor Tagesanbruch sinkt das Schiff
und die Nacht ist vorbei.
Alle an Bord gehen mit ihm unter
und dann sind sie endlich frei.

In der Nacht unter den Sternen
und nun wissen sie, wohin.
Die Wellen rauschen leise,
sanft gestreichelt vom Wind.

5

Mein Leben: Eine wirre Abfolge
von sechsminütigen Texten,
die ich feilbiete auf winzigen Bühnen, bevor ich
Backstage müde ein Becks trink'.

Ich weiß nichts von echtem Leiden,
mir geht’s eigentlich ganz gut.
Um etwas Kleinkunst aufzuschreiben,
reicht auch durchschnittlicher Mut.

Ich habe keinen Dunst, wie das sein muss,
um sein Leben zu betteln.
Meine einzige große Angst ist,
dass das WLAN mal weg ist.

Schlauchboote und Kriege
kommen nicht vor in meiner Gegend.
Ich habe Fahrtkosten und Feinstaub,
das reicht auch an Problemen.

Darf man Leiden vergleichen?
Oder dreist in Reime kleiden?
Ist das emotionale Erpressung?
Stört das denn hier keinen?

Wir reihen Szenen aneinander,
auf dass es möglichst tiefsinnig wirkt.
Und ich bete, dass sich zwischen den Zeilen
eine Botschaft verbirgt.

Hinter der Bühne steht ein Schiff,
ich geh jede Nacht daran vorbei.
Vielleicht fasse ich mir heute ja
ein Herz und steige ein.

Hinter der Bühne steht ein Schiff,
ich geh jede Nacht daran vorbei.
Vielleicht fasse ich mir heute ja
ein Herz und steige ein…

Max Osswald

Max Osswald ist seit einigen Jahren auf Bühnen rund um Poetry Slam und Comedy im gesamten deutschsprachigen Raum aktiv. Max Osswald war 2019 Finalist der bayerischen und Teilnehmer der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften, Finalist des NightWash Talent Awards sowie für den SWR3-Comedy-Förderpreis nominiert. Neben einigen kleineren Veröffentlichungen erschien 2018 sein erstes eigenes Buch „Quarterlife Crisis“.

Max Osswald findet es zudem amüsant, dass in jeder Vita Sätze so oft mit dem Vor- und Nachnamen der Person begonnen werden. Max Osswald lebt in einer Stadt.

Mehr unter: www.max-osswald.com

Wenn Gott ein Kuchen wäre

Von Max Osswald

Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, auch wenn unter ihnen solche waren, die sich gegenseitig „Hasipupsi“ nannten. Aber es kann eben nicht immer alles klappen.

Da die Menschen leider dumm waren, herrschte auch Zwietracht unter ihnen – unter anderem wegen ihres Glaubens. Da dachte Gott, dass dies wirklich sehr dumm sei und er da mal wieder etwas machen sollte, und ließ ihnen daher den Erzengel Jürgen erscheinen.

„Ha, Servus, grüß Gott und hallöle!” Der Erzengel Jürgen war zufälligerweise Schwabe. „Sodele, i wollt nur gschwind was loswerden: Ihr werdet alle sterben!“

Die Menschheit schwieg.

„Ha! Späßle gmacht! Des funktioniert echt immer. Eure Gsichter hättet ihr sehen sollen! Köschtlich! Jedenfalls: der Chef hat gmeint, jetzt wär’s dann soweit. Er würd’ gern mal wieder vorbeigugga, ’s letschte Mal isch ja scho a bissle her. Also meine lieben Menschen, wahrlich, ich sage euch, euch soll heut der Heiland erscheinen. Halleluja!“

Und so erschien ihnen Gott. Und siehe da, alle monotheistischen Weltreligionen waren geschockt: Gott war ein Kuchen.

Alle haben sie die ganze Zeit an dasselbe geglaubt. Israelis und Palästinenser kratzten sich am Kopf, senkten behutsam ihre Raketenwerfer und sagten: „Huppala!“

Auf der ganzen Welt wurden große Feste gefeiert, die Menschen stritten nicht mehr, sondern schlemmten und genossen miteinander und niemand hatte mehr Angst vor Überfremdung, da ja alle Menschen eines vereinte: das Gebäck.

Und Gott sah es und es war gut. Und so sagte er zum Erzengel Jürgen: „Ha, subber Sach’, jetzt ham se sich endlich alle lieb, die Grasdackel!“, denn Gott war aufgrund meiner vielseitigen Dialektkenntnisse auch Schwabe.

Ja, das ist eine erschreckende Vorstellung für so manchen, ich weiß. Böse Zungen behaupten sogar, Schwäbisch sei ein effektives Verhütungsmittel. Aber wie wir alle wissen: Gott kriegt dich trotzdem schwanger!

Niemand pilgerte mehr über den Jakobsweg oder nach Mekka. Wieso? Mekka hatte keinen guten Bäcker. Im Gegensatz zu Backdat, aber lassen wir das. Alle waren vereint, liebten sich, respektierten sich, holten sich Tipps bei Propheten wie Tim Mälzer, beispielsweise: „Nicht zu viel Mehl in die Süßspeise!“

Sie aßen endlich ein leckeres letztes Abendmahl, lasen gemeinsam im Talmus und Korahm, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Teiges, Allahu Backba, Shalomnomnomnomnom und so weiter.

Phil Collins wurde stark übergewichtig und sang den ganzen Tag „Another Day in Paradise“, weil er fand, „dass des halt so schee zu dem Ganza bassd“, denn auch Phil Collins war Schwabe! Warum auch immer. Viele freuten sich auch, dass sich Beschneidungen nun nur noch auf Kuchen beschränkten. Klare Devise: Kuchen vor Haut.

Die Konditoreien ersetzten die Kirchen, Moscheen und Synagogen, die Menschen errichteten Schreine und sammelten dort ihre Reliquien wie das Nudelholz von Nazareth, den Backpinsel von Bethlehem oder den Messbecher von Mekka und alles war friedlich, bis einer zum anderen sagte: „Halt, halt, halt. Du bringst da was durcheinander. Gott ist eine Schwarzwälder Kirschtorte, kein Marmorkuchen.“

Daraufhin brüllte ein Dritter: „Marmorkuchen? Schwarzwälder Kirschtorte? Sagt mal, hakt’s bei euch? GOTT IST EIN KÄSEKUCHEN, IHR UNGLÄUBIGEN!“

Und so begann es. Die Menschheit spaltete sich. Manche Abspaltungen spalteten sich noch weiter, weil sie nicht über die Zutaten ihres jeweiligen „richtigen“ Kuchens übereinkamen. Wiederum weitere Abspaltungen der Abspaltungen der Abspaltungen bekriegten sich, weil die einen Ober-/Unterhitze und die anderen Umluft bevorzugten oder weil sie sich stritten, ob Jesus in der logischen Konsequenz einfach ein kleinerer Kuchen, eine Quiche oder gar ein Muffin sei. Sicher ist nur: Nach der Auferstehung war er ein Leb-Kuchen.

Sekten und militante Bewegungen wie die Blätterteigfront oder die Streuselritter bildeten sich, die das Schlemmen von Laugenbrezeln als Gotteslästerung ansahen und mit dem Tod vergalten. Manche wollten einen Gottesstaat errichten, in dem es nur noch ihren Kuchen zu essen geben sollte und in dem man geköpft wurde, wenn man ein bisschen Sahne drauf machen wollte oder einen anderen Kuchen auch nur ansprach!

Andere gründeten politische Bewegungen, die sich regelmäßig montags trafen und sich „Pathologisch Übergewichtige gegen die Marmorkuchisierung des Abendlandes“ nannten, kurz: PÜGMDA. Die haben sich nicht so viele Gedanken über die Abkürzung gemacht, sind halt nicht die hellsten Leuchten im Lampenladen.

Und Gott sah es und es war schlecht. Er schüttelte den Kopf, insofern das eben ging, da er ja ein Kuchen war, seufzte und sagte:

„Heiligs Blechle! Blicken die Seggel des immer no net? Was für ein Kuchen isch doch wurscht! Im Kern isch des doch alles dasselbe: lecker!“

Und für die Moral bemühte sich Gott, Hochdeutsch zu sprechen: „Und der eigentliche Witz ist doch der: zusammen zu sitzen und miteinander zu essen.“

Amen.

Xenia Stein

Seit über sechs Jahren tritt die 1998 geborene Slam Poetin Xenia Stein mit liebevoll gereimter Streberlyrik auf Bühnen im süddeutschen Raum auf. Mit sprachlich intelligenten und raffinierten Wortschleifereien schafft sie es, jeden Sprachliebhaber in ihren Bann zu ziehen.

In und um ihre Heimat Göppingen moderiert sie verschiedene Kulturveranstaltungen, gibt Workshops für kreatives Schreiben und leitete bis 2019 den „Wibele&Worte“ Poetry Slam. Zwischen 2016 und 2018 war sie an diversen Publikationen der Kunsthalle Göppingen beteiligt. Seit 2017 studiert sie Mathematik und Physik an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Mehr unter: www.fb.com/poesiesteine

Liebeserklärung an die deutsche Sprache

Von Xenia Stein

Ich liebe dich. Aussagesatz.
Erste Person Singular Indikativ Aktiv Präsens
mit transitivem Akkusativobjekt,
ebenfalls im Singular.

Zwölf Worte, um drei zu beschreiben.
Ein Satz in zwölf Grammatikscheiben,
die, so sehr sie sich bemühen,
in flektierten Blättern aufzublühen,
nicht vermögen das zu sein,
was ich mit den drei Worten mein’.
Sie scheinen nichts gemein zu haben,
abgründig ist des Absatzes Graben.

Nicht parallel oder phonetisch ähnlich.
Nicht gleichermaßen ungewöhnlich.
Doch wie viel gemein haben drei Worte
mit der Form, die ich im Herzen horte?

Numerus
Warum soll ich die erste Person sein
und du die zweite,
wenn am Morgen du das Erste bist,
woran ich denke,
bevor mir wieder einfällt,
wer ich bin?

Und wie können wir beide
an unterschiedlichen Enden
eines Ausdrucks im Singular stehen,
wenn du mir so wertvoll erscheinst,
dass der Pluralis Majestatis Euch nicht genügte?

Und in meiner Brust so viele Stimmen.
Stimmen stimmen ein.
Und in meinem Kopf so viele Herzen.
Klopfen.

Wenn ich dich endlich sehen kann,
fangen sie zu schlagen an.
Wenn unsere Lippen Eure fühlen,
sich Hände durcheinander wühlen,
wenn wir uns miteinander küssen,
dass wir zuweilen nicht mehr wissen,
wohin nur mit unserem Glück?
Wahrlich: Ihr macht uns verrückt.

Genus verbi
Kann ich dich denn aktiv lieben?
Wurde doch passiv geblieben.
Werd’ jeden Tag zu dir gelenkt,
du wurdest mir einfach geschenkt.

Ich werde passioniert verführt,
wird nur mein Innenohr berührt.
Von einem Stück deiner Stimme sacht,
wird in meinem Kopf Liebe gemacht.

Modus
Vermochtest du mich auch zu mögen,
wenn mich fremde Stimmen zögen?
All die Geister, die ich rief,
schreien zurück im Konjunktiv:

„Hätte, hätte, Fahrradkette,
Gedanken radeln um die Wette.
Wenn Würmer Beine haben würden,
wären Schneckenhäuser keine Bürden.

Wenn meine Oma Räder hätte,
wär’ sie mein Onkel und hieße Annette
Und wenn ich nicht so verliebt wär’,
Wären meine Reime besser.“

Könnte ich nicht zu dir,
würde ich doch bei mir
innerlich inständig insistieren,
den Indikativ initiieren.

Dann bliebe nicht die Liebe stets
der fromme Wunsch deines Gebets,
die feuchte Hoffnung meines Traums,
der lose Faden eines Saums
am Hungertuch der Liebenden,
als wolle er dort nie enden
und das Leben nie beginnen.
Möge er ewiglich sich weiterspinnen.

Tempus
Dein Pronomen lässt mir keine Ruh’,
es sollte heißen: „Ich liebe du.“
Denn du bist perfekt,
Das Du ist perfekt.

Perfekt ist das Wort für Vergangenheit,
denn wir vergessen mit der Zeit.
Während die Zukunft das Orakel lost,
färbt sich das Perfekt makellos.

Auch wenn das Perfekt längst vergangen,
kann es die Gegenwart erlangen.
Ich benenn’ einfach das Präsens um,
vergesse das Präteritum
und beschließe, dass alles jetzt Perfekt ist.
Den Rest werf’ ich zum Aorist,
Das Futur werd’ ich vergessen haben,
Das Imperfekt konnte mir nichts gaben.

Die Consecutio temporum wird ganz leicht,
weil mir eine Zeitform reicht,
um mit dir ewig im Moment zu leben.
Hab’ keinen Augenblick mehr abzugeben.

Abschluss
Das Singularobjekt im Akkusativ
stimmt mich noch depritransitiv.
Reflexiv hab’ ich mich recherchiert,
mein Subjekt dir objektiviert.

Du kannst mir die ganze Welt deklinieren,
bis wir die Konjugation verlieren.
Meinen Namen borge ich dir,
wenn du mich nur beugst dafür.

Mein wahres Bekenntnis flüstere ich dir fragend ein:
Ich werde du immer geliebt haben, wie könnten wir
nicht geworden sein?

Phriedrich Chiller

Der 1986 geborene Künstler Phriedrich Chiller ist Rapper, Dichter, Slam Poet, Musikproduzent und Songwriter. Seit mehr als zehn Jahren nimmt er immer wieder an Poetry Slams teil, wurde 2019 rheinlandpfälzischer Landesmeister und zog mit Markus Becherer als Duo „Die Fabelstapler“ mehrfach in das Team-Finale der deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam ein.

Seine Texte zeichnen sich durch feinfühlige Rhythmik, präzise Formulierungen und philosophische Ansätze aus. Die gesamte Bandbreite seiner Kunst zeigt Phriedrich Chiller momentan in einem Liveprogramm seines Bühnenduos.

Mehr unter: www.chiller.art

verAntworten

Von Phriedrich Chiller

Vergnügt, verspielt und unverfroren
sind wir auf diese Welt geworfen.
Entworfen durch des Zufalls Hände,
aus Mutters Schoß und Vaters Lende.

Verdutzt, verschmitzt, verdammt zu fragen.
Die Welt entdecken, durch Hecken jagen!
Kapitel Eins unseres Erdenlebens ist:
Fragen stellen, nicht Antwort geben.

Antwort geben uns die andern,
die uns umsorgen, unterwandern,
unter ander’m und unter allen Umständen
unser Glück halten in ihren Händen.

Diesen Spieß sinnbildlich umzudrehen heißt:
Erwachsen werden, Antwort geben.
Zu Dingen stehen, die man lenken kann.
Erst dann fängt man zu denken an.

Zuvor lebt’s sich recht unbeschwert,
vom Rockzipfel zum Rockkonzert,
da dreht man noch so manches Ding
der Unmöglichkeit
zum Trotze.

Aus Fragen werden Antworten und trotzdem:
Verantwortung schiebt man auf die lange Bank…
Verlaust versacken vor der Glotze.

Das eigene Leben meistern? Pah!
Arbeit, Abi, Quatsch!
Antworten nicht kennen,
ist der Jugend größter Schatz!
Die Freiheit, alles Tun zu lassen,
lässt einen Dinge tun,
die man selbst nicht vermag zu fassen.
Wer suchet, findet nun.

Ob Antworten auf Lebensfragen:
Was bedeutet Glück?
Ein gutes Zelt an Regentagen.
Es fügt sich Stück für Stück.

Die Eine kommt oft unverhofft
auf listig leisen Sohlen
und dreht dir einmal um den Kopf,
dein Herz sich dann zu holen.

Verliebt, verlobt, verantwortlich
für Freud’ und Leid des andren Ichs!
Das Schicksal, das verhandelt nicht;
es formt dich um und wandelt dich.
Du lernst für etwas gradesteh’n,
und sei’s mit Unbehagen.
Nur warum heißt’s, wenn wir die Sprache seh’n,
Verantwortung tragen?

Tragen heißt sich auseinandersetzen, sich befassen,
Tragen heißt sich beschäftigen, sich Gedanken machen.
Tragen heißt sich kümmern, sich widmen.
Tragen heißt halten, schultern, stützen.

Soweit des Dudens Synonyme.
Nun folgt des Dichters ungestümes Theorem:
Es heißt Verantwortung tragen,
weil sich tragen auf fragen reimt,
und da die Reaktion auf eine Frage eine Antwort ist,
macht Antwort stets verantwortlich.

Das passiert, wenn Logik sich verdichtet
und wenn sich nichts im Dunkeln lichtet,
so sei folgender Hinweis zu beachten:
Zu hiesigen riesigen Risiken und Nebelwirkungen
fragen Sie bitte Ihren Autor oder Verleger.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783982035833
ISBN (Buch)
9783982035819
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v944734
Schlagworte
Poetry Slam Slam Poetry Anthologie Textsammlung Sammelband Textband Poetry Sammlung Poetry Slam Buch Poetry Slam Bücher Poetry Slam Texte Gedichte

Autoren

  • Autor: Elias Raatz

    Elias Raatz (Autor)

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Titel: Textsorbet - Volume 2